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Deck 1 · Gedanken · Exponat

Das Spiel des Lebens

Kein Spiel. Vier Regeln, ein Gitter und die Frage, wie aus fast nichts etwas entsteht, das lebendig aussieht. Für mich der Anfang von allem.

1970 · Cambridge

Ein Mathematiker, ein Go-Brett und vier Regeln

John Horton Conway (1937–2020) war ein britischer Mathematiker und ein Spieler im besten Sinn. Er erfand eine ganz neue Art von Zahlen (die surrealen Zahlen), prägte mit „Monstrous Moonshine“ einen der schönsten Namen der Mathematik und konnte den Wochentag jedes Datums im Kopf ausrechnen.

Um 1970 suchte er, angeregt von John von Neumanns Idee sich selbst kopierender Maschinen, mit Go-Steinen auf einem Brett nach den einfachsten Regeln, die trotzdem etwas Unvorhersehbares hervorbringen. Martin Gardner stellte das Ergebnis im Oktober 1970 im Scientific American vor, und Rechenzentren auf der ganzen Welt verloren erstaunlich viel Rechenzeit an Bildschirme voller Punkte.

Rechts siehst du fünf Zellen, das sogenannte R-Pentomino. Schau ihm eine Weile zu.

Die Regeln

Mehr braucht es nicht

Ein endloses Gitter aus Zellen, jede lebendig oder tot. In jeder Generation schaut jede Zelle auf ihre acht Nachbarn, und das ist schon alles:

GeburtEine tote Zelle mit genau drei Nachbarn wird lebendig.
ÜberlebenEine lebende Zelle mit zwei oder drei Nachbarn bleibt am Leben.
EinsamkeitMit weniger als zwei Nachbarn stirbt sie.
ÜberbevölkerungMit mehr als drei Nachbarn stirbt sie auch.
Mit elf · Commodore 64

READY.

Mit elf stand ein Commodore 64 auf meinem Schreibtisch. Irgendwo bin ich dem Spiel des Lebens begegnet, und ich musste es auf meinem eigenen Bildschirm haben. Also tippte ich die Regeln in BASIC ein.

Es war quälend langsam. Eine Generation dauerte so lange, dass man der Maschine beim Denken zusehen konnte. Und trotzdem bewegte es sich: Eine kleine Form, der niemand das Wandern beigebracht hatte, zog schräg über den Bildschirm.

Später · Assembler

Schneller leben

Für das Leben war BASIC zu langsam. Also lernte ich Assembler: Register, Speicheradressen, jeder Takt zählte. Alles nur, damit die Zellen schneller leben.

Und plötzlich wimmelte der Bildschirm. Dinge wuchsen, prallten aufeinander, starben aus, kamen zur Ruhe. Ich saß davor und verstand nicht, warum aus so wenig so viel werden kann. Ehrlich gesagt hat sich daran nichts geändert.

Frage 1 · Leben

Ist der Gleiter echt?

Fünf Zellen. Keine davon bewegt sich jemals, jede lebt oder stirbt nur an ihrem Platz. Und trotzdem wandert etwas über den Bildschirm, alle vier Generationen ein Feld weiter.

Was also bewegt sich da? Mit zwölf hatte ich kein Wort dafür. Heute würde ich sagen: ein Muster, das mehr ist als seine Teile. Etwas, das nur auf einer höheren Ebene existiert und trotzdem wirkt. Wie eine Welle im Wasser. Wie ein Gedanke im Gehirn.

Frage 2 · Biologie

Kann etwas Nachkommen haben, das nicht lebt?

Conway vermutete, dass kein Muster für immer wachsen kann, und setzte 50 Dollar für den aus, der ihn widerlegt. Im November 1970 gewann ein Team um Bill Gosper am MIT mit dieser Maschine: der Gleiterkanone. Alle dreißig Generationen bringt sie einen neuen Gleiter zur Welt, für immer.

Ein Ding ohne Stoffwechsel, das Nachkommen hervorbringt. Ist das Leben? Die Biologie sagt nein. Der junge Oliver war sich da nicht so sicher. Und von Neumann hatte längst gezeigt, dass Maschinen sich im Prinzip selbst nachbauen können.

Frage 3 · Informatik

Wie viel steckt in sieben Zellen?

Dieses Muster heißt Eichel. Sieben Zellen. Es braucht 5.206 Generationen, bis es zur Ruhe kommt, und hat bis dahin 633 Zellen und dreizehn davonfliegende Gleiter hervorgebracht.

Es gibt keine Abkürzung. Wer wissen will, was passiert, muss es geschehen lassen, Schritt für Schritt. Und es geht noch weiter: Im Spiel des Lebens lassen sich Logikgatter, Speicher und sogar ein vollständiger Computer bauen. Vier Regeln reichen für alles, was ein Computer kann.

Frage 4 · Intelligenz und Bewusstsein

Könnte darin etwas denken?

Wenn das Spiel des Lebens alles berechnen kann, dann ließe sich darin im Prinzip auch ein Gehirn simulieren. Würde dieses Muster denken? Würde es etwas erleben? Oder wäre es eine perfekte Nachahmung, außen intelligent und innen leer?

Diese Fragen habe ich mir mit vierzehn gestellt, ohne zu wissen, dass Philosophen Namen dafür haben. Emergenz, Funktionalismus, das harte Problem des Bewusstseins: Die Wörter habe ich erst Jahrzehnte später gelernt. Die Fragen kamen zuerst.

Carl Sagan hatte einen Namen für das Gegenteil: Kohlenstoff-Chauvinismus, die Annahme, Leben und Geist ließen sich nur aus Kohlenstoff bauen. Das Spiel des Lebens ist aus gar nichts gebaut. Nur aus Regeln.

Heute

Der Junge vor dem Bildschirm

Heute trainieren Forschende neuronale Netze, die Regeln zellulärer Automaten selbst zu lernen. Muster wachsen aus einem einzigen Keim und heilen ihre eigenen Wunden. Meine Agenten im Maschinenraum schreiben eigene Texte. Und in meinen Essays denke ich darüber nach, wie aus einer Architektur vieler einfacher Teile so etwas wie Geist entstehen könnte.

Angefangen hat es hier: mit einem Jungen vor einem C64, der fünf Zellen zusah und fragte, ob sie leben. Die Maschine hat damals nicht geantwortet. Inzwischen tut sie es.

GEN 0
Labor

Jetzt du

Zeichne Zellen mit Maus oder Finger, setz ein Muster ein und lass es laufen. Wer möchte, schaltet auf C64.

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Weiterlesen: der Essay zum Spiel des Lebens ·von einer Hirnnetzwerk-Studie zu emergenter KI